Der schwedische Lkw-Gigant sagt, die Industrie 4.0 sei erreicht, die EU prüft genau nach und ist wütend: China lässt sich einfach nicht umgehen!
Kürzlich erklärte Leonardo De Piro, Vizepräsident für asiatische Industrie- und Beschaffungsoperationen bei dem schwedischen Nutzfahrzeugkonzern Scania, dass sein neuer Werk vollständig die Standards der Industrie 4.0 erfülle. Klingt sehr europäisch, sehr hochwertig, oder?
Doch als EU-Beamte die Karte genauer prüften, stellten sie fest, dass dieses sogenannte Musterwerk für die Industrie 4.0 nicht in Stockholm oder Hamburg, sondern in Rugao, einer Stadt im Bezirk Nantong in der chinesischen Provinz Jiangsu, liegt.
Das Scania-Werk in Rugao ist der dritte vollständige Industriestandort weltweit mit einer Gesamtinvestition von 2 Milliarden Euro und einer geplanten jährlichen Produktionskapazität von 50.000 schweren Lkw. Es vereint Forschung und Entwicklung, Beschaffung, Fertigung, Vertrieb und Service. Wichtiger noch: Es ist das erste Mal, dass ein europäischer Nutzfahrzeughersteller in China eine 100-prozentige Tochtergesellschaft gründen darf – was bedeutet, dass Scania sowohl die Anteile als auch die Technologie vollständig selbst kontrolliert.
Warum bringt ein 100 Jahre alter schwedischer Konzern den Kern der „Industrie 4.0“, die „zukünftige Fertigung“, gerade in China zum Laufen?
Der Wendepunkt kam 2020 – als China die Beschränkung der ausländischen Anteile bei Nutzfahrzeugen aufhob. Scania passte sofort seine Strategie an und erweiterte den ursprünglichen Plan, nur eine Montageanlage zu bauen, zu einem kompletten Produktionsstandort mit der gesamten Wertschöpfungskette. Diese Entscheidung basiert auf einer tiefgreifenden Bewertung der chinesischen Fertigungsökologie.
Dieses Modell „In China innovieren, weltweit exportieren“ bricht mit der traditionellen, einseitigen Entwicklung von „Europäische Forschung – globale Nachahmung“. Mit anderen Worten: Die Industrie 4.0 wird hier nicht einfach nach europäischem Vorbild kopiert, sondern auf der Basis chinesischer Bedingungen neu konzipiert und als intelligente Produktionsstruktur realisiert.
Die Auswirkungen sind bereits spürbar. Scania plant, bis Ende 2026 sein Netzwerk an chinesischen Händlern auf 70 Filialen auszubauen und den etablierten europäischen Lkw-Mietmodus einzuführen. Gleichzeitig wird das Werk in Rugao nicht nur den lokalen Markt bedienen, sondern auch den südostasiatischen und den Nahostmarkt erreichen. Das bedeutet, dass China nicht mehr nur die „Weltfabrik“ ist, sondern auch zu einem Zentrum der globalen Spitzenfertigung und Innovation wird.